Eine beunruhigende Antwort

Über 300 Mieterinnen und Mieter in der Münchner Großsiedlung Fürstenried West forderten im Dezember mehr Transparenz zu möglichen Schadstoffbelastungen. Nun liegt eine Antwort des Vermieters vor – doch sie wirft neue Fragen auf.

Im vergangenen Dezember unterzeichneten mehr als 300 Bewohnerinnen und Bewohner von Fürstenried West einen gemeinsamen Brief. Ihre Forderung: vollständige Transparenz über mögliche Belastungen mit Asbest und anderen Schadstoffen in den Wohnungen. Mehrere Medien berichteten.

Nun ist ein Schreiben der Hausverwaltung SPM eingetroffen – adressiert an alle Mieterinnen und Mieter. Mehrere Mitglieder berichten jedoch, dieses Schreiben nicht erhalten zu haben. Deshalb veröffentlichen wir es hier anonymisiert.

Das Schreiben beginnt mit dem Anspruch, „transparent und nachvollziehbar“ zu informieren. Es wird eingeräumt, dass bei der Errichtung der Gebäude Baustoffe verwendet wurden, die „nach heutigem Wissensstand leider auch Schadstoffe enthalten können“. Dazu zähle auch Asbest.

Damit ist zunächst bestätigt: In sämtlichen Gebäuden könnten potenziell asbesthaltige Materialien oder andere Schadstoffe verbaut sein.

Die Hausverwaltung führt weiter aus, dass „solange potenziell vorhandene schadstoffhaltige Materialien fest gebunden, unbeschädigt und nicht bearbeitet sind, grundsätzlich kein Freisetzungspotenzial besteht“.

Bei mechanischer Bearbeitung oder Beschädigung der Decken, Böden oder Wände könne eine Freisetzung von Schadstoffen allerdings erfolgen.

Vor Sanierungsmaßnahmen würden Untersuchungen durchgeführt. Der Umgang mit schadstoffhaltigen Materialien erfolge „nach den anerkannten technischen Regeln“ und ausschließlich durch zugelassene Fachfirmen. Arbeitsbereiche würden durch Schutzmaßnahmen wie Schleusen oder Schwarzbereiche abgesichert.

Das klingt beruhigend – zumindest auf dem Papier.

In der Realität jedoch stellt sich eine andere Frage: Was passiert derzeit tatsächlich in den Häusern?

In mehreren Gebäuden laufen Sanierungsarbeiten. Wände werden geöffnet, es wird gebohrt, es wird abgetragen. Der Mietergemeinschaft liegen Fotos und Videos von Bewohnerinnen und Bewohnern vor. Sie zeigen Arbeiten ohne erkennbar eingerichtete Schutzbereiche, ohne sichtbare Schleusen. In den Wänden und Decken, die laut Schreiben Schadstoffe enthalten könnten, klaffen die Löcher. Der Inhalt tritt in die Umwelt aus. Staub zieht durch Treppenhäuser.

Hier geht es nicht mehr um theoretische Szenarien. Wenn die Wände und Decken Materialien wie Asbest oder andere Schadstoffe enthalten können, dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Werden bei diesen Eingriffen wirklich alle vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen eingehalten?

Wer kontrolliert das?
Wer informiert die Bewohner?
Und wo sind die Gutachten, die vor Beginn der Arbeiten erstellt worden sein sollen?

Der Vermieter möchte anscheinend diese Unterlagen nicht veröffentlichen. Die Mieter können sich von den Messergebnissen kein Bild machen. Transparenz sieht anders aus. Währenddessen rieselt der Staub durch die Gebäude und die Bewohner leben mit ständiger Ungewissheit.

Doch selbst dort, wo nicht saniert wird, bleibt eine zweite Ebene der Verunsicherung.

Der Vermieter spricht vom „bestimmungsgemäßen Gebrauch“. Er rät, von allen mechanischen Bearbeitungen an Wänden, Decken oder Böden abzusehen oder sich vorher eine Zustimmung dafür einzuholen.

Aber wo verläuft die Grenze?

Darf ich als Mieter noch ein Loch bohren?
Einen Nagel einschlagen?
Ein Regal anbringen?

Wenn selbst kleinere Eingriffe potenziell problematisch sein könnten, weil Materialien „dauerhaft fest gebunden bleiben“ müssen, stellt sich eine grundlegende Frage: Mit welchen Stoffen haben wir es hier eigentlich konkret zu tun – und in welchen Gebäudeteilen? In welchen Konzentrationen? In welchen Wohnungen?

Auch dazu gibt es keine öffentlich zugänglichen Informationen.

Wenn Schadstoffe vorhanden sind und Untersuchungen stattfinden, dann müssen diese Informationen offen gelegt werden. Solange die Gutachten aber nicht einsehbar sindund unklar bleibt, was im Alltag erlaubt ist und was nicht, bleibt eine Zone der Unsicherheit.

Ohne klare Aufklärung, ohne transparente Informationen und ohne einsehbare Messergebnisse bleibt diese Unsicherheit bestehen. Und sie trifft die Menschen dort, wo sie eigentlich Sicherheit erwarten dürfen: in den eigenen vier Wänden. Das letzte Wort in der Schadstoffaffäre ist noch nicht gesprochen.

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