300 Mieter befürchten Asbest-Katastrophe und fordern Aufklärung / Vermieter setzt auf Mieterhöhungen

In der Großsiedlung Fürstenried-West verlangen 300 Mieter volle Transparenz über mögliche Gesundheitsgefahren durch Asbest und andere Schadstoffe. Rund 3000 Menschen leben dort in Gebäuden aus den 1970er-Jahren, die zum Teil dringend repariert werden müssen. Das Quartier gehört der Quartier FÜRstenried West GmbH & Co. geschl. InvKG, getragen von fünf Versorgungseinrichtungen der Bayerischen Versorgungskammer (BVK).

In mehreren Häusern beobachteten Bewohner während der vergangenen Sommermonate Schadstoffsanierungsfirmen bei Bau- und Umbauarbeiten. Die Hausverwaltung kündigte zudem in einzelnen Gebäuden Arbeiten nach TRGS 519 an und führte sie aus. Dies hat erhebliche Sorge ausgelöst, da Asbest ein hochgefährlicher Stoff ist, dessen Freisetzung schwere gesundheitliche Folgen haben kann.

Jetzt kam es zu zahlreichen Medienberichten zu dem Thema. Unter anderem von der Münchner Abendzeitung, Radio Lora und dem Bayerischen Rundfunk.

Interview mit Maximilian Rathke bei Radio Lora, Lora Magazin vom 04.12.2025

An Baustellen tauchten zudem Säcke mit Warnhinweisen und der Aufschrift „KMF – kann Krebs hervorrufen“ auf. Viele Bewohner gehen inzwischen davon aus, dass auch andere gesundheitsgefährdende Materialien verbaut wurden.

Wir wissen nicht, welchen Gefahren wir ausgesetzt sind, zumal die Vermieterin Balkone und Fenster auswechseln lässt und Bohrungen in Wohnungen durchführt. Vom Vermieter wollen wir Nachweise, die die Belastungen mit Schadstoffen für jede Wohnung exakt ausweisen, denn schon ein einziges Bohrloch kann vielleicht Asbest freisetzen und Krebs verursachen“, fordert Ulrike Teuchtler, eine der Haussprecherinnen der Mietergemeinschaft.

Die in der Mietergemeinschaft Fürstenried West organisierten Mieterinnen und Mieter, die zugleich Mitglieder der Mietergewerkschaft Deutschland sind, beschlossen daher, einen Protestbrief zu formulieren und im gesamten Viertel Unterschriften zu sammeln. Insgesamt rund 300 Bewohner unterstützen das Schreiben und fordern vollständige Transparenz über mögliche Schadstoff-belastungen in den Wohnungen, sowie Informationen über die zu ergreifenden Schutzmaßnahmen wie auch die Benennung einer Kontaktperson durch die Vermietergesellschaft.

Galerie der Schande – Fürstenried West

Hier dokumentieren Mieter aus Fürstenried West selbstständig Hinweise auf Asbest- und Schadstoffbeseitigungsarbeiten.

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Nach Anfrage des BR ließ die Bayerische Versorgungskammer mittlerweile folgendes verlautbaren:

„Das Quartier befindet sich mitten in einer langfristig angelegten Quartiersentwicklung. Dazu zählt nicht nur der Bau von rund 620 neuen Wohnungen im niedrigen bis mittleren Preissegment, sondern vor allem auch die Modernisierung und Instandsetzung des in die Jahre gekommenen Wohnungsbestands. Dieser wurde überwiegend Anfang der 1970er Jahre errichtet und somit in einer Zeit, in der der Einsatz von Baustoffen, die nach heutiger Kenntnis Schadstoffe enthalten können, landes- und branchenweit leider üblich war. Dies wurde bereits in der Planungsphase transparent kommuniziert.

Zudem werden die Mieterinnen und Mieter laufend durch den Manager bzw. die Hausverwaltung über Schreiben, Aushänge, Quartierszeitung, Quartierswebsite, Quartiers-Infopoints, die zwei-wöchentlichen Sprechstunden in dem Quartiersbüro vor Ort sowie durch die Mieter-App über die Fortschritte der Bestands- und Schadstoffsanierung informiert.

Der Bau im Bestand erfordert eine schrittweise Durchführung der Arbeiten. Erst systematische und bausubstanzbezogene Untersuchungen zeigen das tatsächliche Ausmaß etwaiger Belastungen. Deshalb wird der Bestand nach einem dezidierten Sanierungsplan geprüft, in dem jedes Gebäude einzeln bewertet wird, um sicherzustellen, dass die Sanierung bestmöglich und ohne jegliche Gefahr für die Mieter erfolgen kann.

Schadstoffsanierungen werden ausschließlich von zertifizierten Fachfirmen durchgeführt, die auf diese Leistungen spezialisiert sind. Die Arbeiten erfolgen gemäß den einschlägigen gesetzlichen Vorgaben, unter abgeschotteten Bedingungen und mit gesicherter Entsorgung. Für die Bewohner besteht bei bestimmungsgemäßem Gebrauch der Wohnungen keinerlei Gesundheitsbeeinträchtigung.“

Auszug aus der Stellungnahme der BVK gemäß BR-Beitrag, Abendschau im Süden, 11.12.2025

Hier findet sich der vollständige Auszug der Stellungnahme, die im Fernsehbeitrag des BR gezeigt wurde.

Das Schreiben der BVK an den BR wirft neue Fragen auf:

Seit wann wussten die Verantwortlichen von der Schadstoffbelastung?

Was bedeutet der „bestimmungsmäßige Gebrauch“ der Wohnung? Ist es noch erlaubt, Löcher in die Wände zu bohren?

Neben diesen Sorgen belasten die Mieter die weiterhin ungelösten Konflikte im Quartier. Die Betriebskostenabrechnungen 2022 und 2023 bleiben immer noch wegen unzureichender Belege offen. Gleichzeitig verschickte der Vermieter im großen Stil Mieterhöhungen, die sich auf einen bereits veralteten Mietspiegel beziehen. Besonders brisant: Quartier FÜRstenried West musste bereits mehrere Indexmieterhöhungen zurückziehen, weil sie gegen die vertraglich vereinbarte Dreijahressperrfrist verstießen.

Aus unserer Sicht agiert der Vermieter chaotisch und unverantwortlich. Während die Bewohner mit massiven Einschränkungen aufgrund der Bauarbeiten zu leben haben, werden rechtlich fragwürdige Mieterhöhungsschreiben en masse versendet. Die Mietergewerkschaft wird diesem verantwortungslosen Treiben nicht zusehen und dagegen Widerstand organisieren. Alle Mieterhöhungen sind ohne Wenn und Aber zurückzunehmen“, fordert Maximilian Rathke, zweiter Vorsitzender des Vereins.

Ein weiterer beunruhigender Punkt sorgt zusätzlich für Irritation unter den Bewohnern: Die Vermietergesellschaft Quartier FÜRstenried West gibt als Firmensitz eine Adresse im Frankfurter Westen an. Ein Mitglied der Mietergewerkschaft machte sich Mitte November vor Ort selbst ein Bild – und fand dort weder einen Briefkasten noch irgendein Firmenschild.

An der im Internet und Handelsregister aktuell angegeben Adresse der Vermieterin in Frankfurt gab es keinen Briefkasten, auch gerichtliche Zustellungen scheiterten“, berichtet Maximilian Rathke, zweiter Vorsitzender der Mietergewerkschaft Deutschland. „An dieser Adresse gab es bei der Prüfung vor Ort Mitte November 2025 nur ein Büro und einen Briefkasten der Fa. ‚Universal Investment‘“. Diese Firma taucht auch auf verschiedenen anderen Papieren auf. Für die Bewohner stellt dies ein erhebliches Problem dar: sie wissen nicht, ob Schreiben den Vermieter überhaupt erreichen, wer tatsächlich die Verantwortung trägt und an wen sie sich wenden können, falls die Hausverwaltung auf Anliegen nicht reagieren sollte.

In Gesprächen mit Medienvertretern wurde deutlich: Zwar besteht grundsätzlich Interesse, die Eigentümer- und Verantwortungsstrukturen rund um das Quartier Fürstenried-West weiter zu recherchieren – etwa zur Rolle der Firma Universal Investment. Gleichzeitig wurde das Thema jedoch als äußerst komplex eingeschätzt und für eine vertiefte mediale Aufarbeitung als schwer vermittelbar angesehen.

Das bedeutet: Die Aufklärung dieser intransparenten Strukturen dürfen wir nicht allein den Medien überlassen – wir müssen sie selbst in die Hand nehmen.

Die Mietergewerkschaft Deutschland ruft daher zur Gründung einer Mieter-Recherchegruppe auf. Gesucht werden Mieterinnen und Mieter mit journalistischer, juristischer, wissenschaftlicher oder investigativer Erfahrung – oder einfach mit Interesse, Zeit und Hartnäckigkeit –, die gemeinsam Material sammeln, Hintergründe recherchieren und Verantwortlichkeiten klären wollen.

Ziel der Recherchegruppe ist es,

die tatsächlichen Entscheidungs- und Eigentümerstrukturen offenzulegen,
Verantwortlichkeiten eindeutig zuzuordnen,
und verständlich darzustellen, wer im Quartier entscheidet und profitiert.

Wer sich an dieser Recherche beteiligen möchte, kann sich unter
info@mietergewerkschaft.de melden.

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